Ganz früher, als die Leute noch leibhaftig bei Panico anriefen, um sich einen Kletterführer zu bestellen, hatten wir einen Anrufbeantworter, der, wenn das Büro unbesetzt war, den Kunden verkündete, dass wir zu ihrem Wohle auf Recherche wären. Wie die meisten der nur schwer auszuhaltenden Telefonansagen sollte das vermutlich witzig sein.

Als Peter Brunnert, der schon damals gerne etwas schräg ums Eck dachte, die Telefonansage das erste Mal hörte, fragte er bei beim nächsten Gespräch süffisant interessiert nach, wie denn das Wetter auf den Recherchen gewesen sei? Ob es da auch so schön sei wie auf den Seychellen. Vielleicht würde er da ja auch mal hin. Nun ja: Wer das Folgende liest, wird sich eine Reise auf die Recherchen zwei mal überlegen.

Klettertopo Kletterführer Alpinklettern moderne zeitenmoderne zeiten ist der Titel des Buchs, auf das jeder ambitionierte Alpinkletterer gewartet hat und für das genau 100 Fotos nötig sind. Wer eins und eins zusammenzählen kann, ahnt, auf was das rausläuft, und dass man dafür neben schmissigen Texten in erster Linie rasiermesserscharfe Wandbilder braucht. Was heutzutage eigentlich ja kein Problem mehr sein sollte, wo Hinz und Kunz auf Sticks und Chips und Platten Abertausende virtuelle Fotos hortet. Braucht man allerdings eines davon, offenbart sich bei etlichen Zeitgenossen ein markanter Mangel an geordneter Verwaltung. Und findet sich dann doch tatsächlich ein passendes Bild, dann bleiben von den ganzen bunten Pixeln – wenn sie sich erst mal vom schnuckeligen Handydisplay auf die Weiten eines A4-Blatts verteilt haben – in aller Regel nur ein paar weit verstreute Farbpunkte übrig. Die schöne neue digitale Welt: nichts als eine verschwommene Landschafts-Soße.

ZWEI MAL 1000 HÖHENMETER
Auch nach stetem Bemühen stehen im nahen Osten der Alpen deshalb immer noch zwei Wandbilder aus, und beim Lesen der Zustiegstexte wird auch sofort klar, warum. 1000 Höhenmeter Zustieg pro Foto ist ja an sich schon eine Ansage, und mit der Spiegelreflex vorm Bauch und dem gefühlt zentnerschweren Monstertele im Rucksack gelinde ausgedrückt eine Zumutung. Dazu noch das Ganze in vollständiger Südexposition – das tut sich bei der sommerlichen Hitzewelle kein Mensch freiwillig an. Ein typischer Fall also für: Kurzurlaub auf den Recherchen. Der das Buchprojekt betreuende Verlagsleiter mit seiner langen Liste großer alpiner Routen im Tourenbuch drängt sich für die Mission natürlich geradezu auf. Dass die meisten der ruhmreichen Taten Jahrzehnte zurückliegen und dass sich seine Aktivitäten der letzten zehn Jahre auf bohrhakengesichertes Sportklettern auf der Schwäbischen Alb und altersgerechte Wanderungen im Mittelgebirge beschränkt haben? Geschenkt. Schwimmen, Radfahren und Tischtennis spielen verlernt man ja auch nicht. Und Tobi? Der gilt im Verlag zwar eher als Spezialist für die kleinen Blöcke und ist nach eben überstandener Krankheit alles andere als fit, aber halb so jung und doppelt motiviert. Wenn das nicht als Qualifikation ausreicht, was dann? Erst die tägliche Arbeit, dann der späte Start ins Vergnügen. Von Köngen bis hinter Salzburg ist das aber eher zweifelhaft: Irgendwo an der A8 wird immer rumgebastelt. Aber die Piste ist weitgehend frei, unser Euro 4-Diesel schnurrt sanft und verteilt seinen Staub ganz, ganz fein und fernab der Ballungszentren. München wird umfahren, die Grenze in die Alpenrepublik problemlos überschritten. Dunkelheit kommt auf, irgendwann der Hunger dazu, und als schließlich das goldene M direkt an der Strecke lockt, haben die bodenständigen Anbieter verträglicher Speisen schon die Läden hochgezogen. Es ist immer das selbe dort: Die Augen sind größer als der Magen und der Chicken-Deal furztrocken. Der deutlich schmierigere Mac-Country-Deal flutscht zwar besser, aber im Zusammenspiel mit der Tüte Fritten stellt sich diese übertriebene Sattheit ein, die man auch als Völlegefühl bezeichnet. Zum Glück ist das Ziel nicht mehr weit, so dass ich bald schon am Parkplatz des Arthurhauses ein Bierchen auf den Klumpen im Bauch gießen kann. Möge die Hefe heilend helfen. Ein Schlummertrunk, im Vollmondlicht ragen die Zacken des Manndlkamms in den sternenübersäten Himmel, endlich mal wieder im Gebirge – was will man mehr?

 

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Der Manndlkamm im Vollmondlicht zu Klängen von Deichkind und Fettes Brot.


HIP-HOP VOR GROSSER KULISSE
Wir klappen die Rücksitze um, rollen die Isomatten im Auto aus und fallen in einen wohltuenden Schlaf, der nach kaum einer Stunde ein jähes Ende findet. Ohne jede Vorwarnung bricht ein Alpen-Open-Air-Konzert über uns herein. Deutscher Hip-Hop mit geschätzten 90 Dezibel, dazu Motorgedröhne, kreischende Bremsen und knirschender Kies. Ein ganz offensichtlich Wahnsinniger dreht auf dem Parkplatz mit seinem Auto ganz alleine Kreise und gewährt seinem leistungsstarken Car-Sound-System freien Auslauf. Zugegeben: Der Klang ist fantastisch, aber wir hatten eigentlich die Stille der Bergwelt auf dem Programm und nicht das Southside. Nach zwei Tracks steigt unser Kulturfreund aus. Nun dämmt nicht mal mehr das dünne Blech der Wagentür einen Hauch von Schall. Zu den größten Krachern von Deichkind und Fettes Brot tanzt er um seine im Leerlauf brabbelnde Karre und plärrt aus vollem Hals den Refrain mit. Uns bleibt nichts als die vage Hoffnung, dass die voll Inbrunst besungene Bettina bald ihre Brüste einpacke, doch wir täuschen uns. Bettina zieht sich nichts an – nur der Krach zieht sich. „Solln wir mal raus?“ frage ich Tobi. „Auf ne Schlägerei mit nem Besoffenen? Vergiss es.“ Eine gute halbe Sunde dauert der Spuk. Dann heult ansatzlos der Motor auf, Schotter spratzt, und das Getöse dimmt sich langsam wieder von Hundert auf Null. Volle drei Stunden hält nun die wohltuende Ruhe, bevor der Kies erneut knirscht. Ganz frühe Aufsteher packen ihre Rucksäcke, ziehen sich die Bergstiefel an, flackern mit ihren Kopflampen. Sag mal, haben wir die falsche Autobahn erwischt und sind aus Versehen statt nach Osten Richtung Süden gedüst und in Chamonix gelandet? Aber anscheinend geht der Bergwanderer hier im frühsten Tau zu Berge. Die Autotüren knallen erst noch im Halbstundentakt, dann beschleunigt sich der Rhythmus – reichlich was los auf den Recherchen.

IM HITZESTAU BERGAUF
Irgendwann ist auch an die Vortäuschung von Schlaf nicht mehr zu denken. Nach einem knappen Frühstück marschieren wir los, lassen die Mitterfeldalm rechts liegen und haben bald auch schon die Wand im Blick, die wir heute fotografieren und in der Folge beklettern wollen. Dumm nur, dass wir das ganz fette und schwere Tele-Objektiv im Auto gelassen haben und die gute Position nicht nutzen können. Also weiter und näher ran an die Wand, deren Einstiegsbereich derweil hinter einer Geländerippe verschwindet, während sich im oberen Wandteil erstaunlich flott die Schatten verkürzen. Ja hallo! Wenn die Sonne in dem Tempo weiter rumschwenkt, haben wir im Handumdrehen eine konturlose Kalkfläche vor der Linse. Uns dämmert, dass jetzt nur noch Vollgas hilft. Wir drücken gewaltig auf die Tube, und die letzten fünfzig Höhenmeter hetzt Tobi mit dem Foto voraus, um die endlich wieder zur Gänze sichtbare Wand abzulichten, bevor die senkrecht auf die Wand knallende Sonne die letzte Kontur verschwinden lässt – es reicht haarscharf, aber dafür sind wir jetzt schon reichlich geplättet.

 

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Das erste Ziel auf den Recherchen. Die Östliche Schoberplatte mit den imposanten Schoberköpfen.

 

In der Folge laufen die Dinge wie aus dem Lehrbuch der Sportpsychologie: Mit dem Erreichen des ersten Ziels lässt die Konzentration rapide nach. Wir verlieren den richtigen Weg und mühen uns über unnötig Aufmerksamkeit heischendes Gelände, verlieren dabei weiter Kraft und Zeit und bemerken erst jetzt so richtig, wie affenheiß es während unseres Berglaufs geworden ist. Tobis Nacken ist krebsrot, dazu beide Arme, bei mir glühen die Handrücken. So langsam verstehen wir auch, warum die ganze Wandererschar schon in der superfrühen Morgenkühle losmarschiert ist – die haben einfach mehr gedacht als wir. Die ursprünglich geplante Kletterroute habe ich vor 15 Jahren schon mal gemacht– das soll genügen, wir verwerfen sie ohne einen Anflug von Reue zugunsten der einfachsten Route in der Wand. Doch die mindere Kletterschwierigkeit gibt es nicht umsonst. Der dafür nur ein klein wenig weitere Zustieg setzt uns mächtig zu. Dazu steilt sich das Gelände auf, ein schrofiger Aufschwung fordert Umsicht, und die angekündigte Wiese ist in der Tat steil.

TROCKEN WIE EIN HOLZFASS
Klettertopo Kletterführer Alpinklettern moderne zeitenStatt unseres Startstands erreichen wir erst mal einen Zwischenhaken in der ersten Seillänge der Nachbarroute, den wir auch noch kurz anklettern müssen. Bis wir schließlich vom richtigen Standplatz aus einsteigen, fühlen wir uns wie Flasche leer. Die Kletterei selbst ist nett und an sich recht gemütlich, doch am ersten Standplatz ist mein Mund trocken wie das Innenfutters meines Chalkbags. Vergiss die alpine Erfahrung: Tobi muss noch eine weitere Seillänge vorsteigen, bevor ich mich fit genug fühle zu übernehmen. Das Wetter bietet ein spezielles Wechselbad: Wenn es uns ausnahmsweise nicht das Hirn ausdörrt, treibt ein beißender Wind die Seile fast in die Waagerechte. Vom anfänglichen Auftrieb ist nicht mehr viel übrig. „Mein Ego hängt nicht an der Tour“ – für diese weisen Worte schätze ich Tobi. Besonders heute. Im Handumdrehen ist die erste Abseilstelle eingerichtet. Von oben ist der ideale Abstieg gut auszumachen und gutmütig, doch schon die wenigen kurzen und sanften Gegenanstiege bremsen uns fast in den Stand. Man muss nicht ins Karakorum, um nach zehn Schritten bergauf stehen bleiben zu müssen. Schon von oben lockte die Mitterfelderalm als rettendes Zwischenziel, aber als sie naht, will Tobi erst gar nicht einkehren. Aus Sorge, dann überhaupt nicht mehr in die Gänge zu kommen. Doch für meinen Zustand der Ausgedörrtheit reicht das Schriftdeutsche nicht mehr aus. Im Schwäbischen kennt man dafür den Begriff „verlechnet“ – Holzfässer, die jahrelang leer in trockenen Scheuern stehen, erreichen diesen bedauernswerten Zustand, bei dem man eine Postwurfsendung durch die Fugen zwischen den Fassdauben schieben kann. Ein Halbliter nach dem anderen wird von den darrtrockenen Poren einfach aufgesogen. Müssen müssen wird‘s heute Nacht nicht geben. Wären wir auf Mallorca, Kreta oder den Kanaren, würden wir wohl – endlich am Auto angekommen – erst mal den Riemen runter nehmen. Auf den Recherchen geht das natürlich nicht. Wir haben morgen noch im Tennengebirge ein weiteres Wandbild auf dem Programm. Wieder südseitig, noch mal tausend Höhenmeter schweißtreibender Aufstieg. Also hurtig runter ins Tal und auf der Gegenseite wieder hoch. Statt der Autositze um klappen wir den Geldbeutel auf und checken uns in einem der letzten freien Zimmer in Wengerau ein. Im Ortsteil mit dem vielversprechenden Namen Ruhdorf. Nach der letzten Nacht die absolut richtige Enscheidung. Genauso wie die am nächsten Morgen, anstelle des Klettergeraffels das große Tele mitzunehmen. Ein Schild weit oben in den Latschenfeldern bestätigt uns in der weisen Wahl.

NUR DIE ANDENKEN ZÄHLEN
Prachtvolle Panoramen tun sich auf: vom Tauernkogel aus der Gosaukamm, dahinter der Hohe Dachstein, drüben das Hochkönigrund mit der Torsäule im Zentrum – an der Hackel-Hütte eine alkoholfreie Hefezinne, ein Skiwasserturm, ein Sauermilchpfeiler. Dass beim steilen Schlussabstieg das Knie rebelliert? War zu erwarten. Nach Jahrzehnten unbesonnen Bergabrennens ein gewöhnlicher Kollateralschaden. Mit seltsam seitlich verschlepptem Gehinke erreicht Captain Ahab sein inzwischen in der prallen Sonne stehendes, schwarzes Dieselschiff – auf den Saunagang folgt noch ein gepflegter Aufguss. Höchste Zeit, die Recherchen zu verlassen, was sich angesichts von 45 Minuten Ausreisestau an der Grenze etwas zieht, aber derlei Verzögerungen hat man am Flugplatz auf Kalymnos ja auch, bevor man die Heimreise antritt. Nur dass man dort in zwei Tagen keine 200 Meter aufgestiegen ist und dafür 30 Seillängen gezogen hat. Rein unterm Kletteraspekt ein entschieden besserer Schnitt als unsere drei Seillängen bei 2000 Höhenmetern. Doch wer auf die Recherchen reist, muss sich davon befreien, dass der Weg das Ziel ist – Wege sind dort grundsätzlich steinig und steil. Was nach einem Urlaub auf den Recherchen zählt, sind allein die Andenken, die man nach Hause bringt: zwei Wandbilder und ein satter Muskelkater.

 

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Grandioser Blick von der Hackel-Hütte auf das Hochkönig-Massiv.